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Margot Fournier, Odettes Adoptivmutter, starb zwei Monate später. Sie erlitt einen Schlaganfall, schon den zweiten. Der erste hatte sie an den Rollstuhl gefesselt gehabt. Der Bursche vom Lebensmittelladen, der ihr immer die Sachen ins Haus brachte, fand sie leblos auf dem Boden neben den vielen Skulpturen und Artefakten.

Obwohl ich rund um die Uhr mit Odette beschäftigt war und mit diesen Vollidioten an Medizinern im Dauerclinch lag, die seit der Anerkennung von AIDS 1981 als eigenständige Krankheit immer noch keine Therapie gebacken bekamen, schaffte ich es trotzdem, eine würdevolle Bestattung für sie hinzukriegen. Sie wurde neben dem Grab ihres Mannes gebettet.

Odette fühlte sich zunächst zu schwach, um zur Beerdigung mitzukommen. Tag um Tag brach ihr Immunsystem immer mehr auseinander. Es war ein Alptraum!

Zu den sogenannten opportunistischen Infektionen, die aus ihrem überirdischen Körper eine Trümmerlandschaft aus dunklen Flecken, Ekzemen und Mikrowunden machten und immer mehr ihre Kupferhaare ausfallen ließen, gesellten sich in rasender Geschwindigkeit Tumore hinzu, die ihre inneren Organe befielen. Obwohl sie eine schlanke Idealfigur besaß, nahm sie nach und nach noch etwa 15 Kilo ab, so daß sie bald einem mit einer Pergamenthaut überzogenen Gerippe glich, einem wunderschönen Gerippe freilich, aus dem der Totenschädel durchzuscheinen begann.

Ich sagte immer “Muß mal kurz”, um mich in der Toilette alleine auszuweinen, dann aber daraus stets mit dem freudestrahlenden Gesicht des Herrn Zuversicht herauszukommen. Was natürlich auf sie den gleichen Eindruck machte wie wenn ich meinen Kopf in einer Tour gegen die Wand gehämmert hätte, um sie von einer künftigen Heilung zu überzeugen. Sie wußte um ihr Ende Bescheid, und die ursprüngliche Angst wich mit der Zeit der Einsicht ins Unvermeidliche.

Irgendwann wollte sie nicht mehr im Krankenhaus vegetieren. Wenn vegetieren, dann lieber in ihrem über alles geliebten Gartenhäuschen. Bepackt mit mindestens einer Tonne Medikamenten, darunter hammerharte Zytostatika, Ampullen zum Spritzen, mobilem Beatmungsgerät und Sauerstofflaschen holte ich sie mit der “Großen Heckflosse” heim, obwohl die Ärzte deswegen die Hände über den Kopf zusammenschlugen, einige von ihnen mich sogar anzeigen wollten.

Auch sorgte ich dafür, daß sie bei der Beerdigung ihrer Mutter doch teilnehmen konnte. Sie war zwar schwach auf den Beinen, aber wo immer es ging, trug und stützte ich sie, und immer hatte ich einen Klappstuhl für sie dabei. Außer uns und dem Pfarrer war bei der Zeremonie niemand dabei. Offenkundig hatte Frau Fournier sich vom Anthropologen-Geschäft schon vor Jahren zurückgezogen, und die Kontakte zu Kollegen und Instituten waren erloschen. Ich jedenfalls konnte selbst in ihrem privaten Adreßbuch keine Namen solcher Freunde und Mitarbeiter finden, an die ich eine Einladung hätte verschicken können. Auch nicht an irgendwelche Verwandten.

Odette saß fast eine Stunde auf dem Klappstuhl vor dem offenen Grab und schaute entrückten Blickes auf den Sarg, selbst als der Pfarrer schon längst gegangen war. Ich weiß nicht, was für einen Umgang die beiden miteinander gepflegt hatten. Aber eine normale Mutter-Tochter-Beziehung konnte es offenkundig nicht gewesen sein, nach allem, was Frau Fournier mir über den Hintergrund von Odette erzählt hatte. Außerdem hatte sich Odette zwischendurch abfällig über sie geäußert. Ob sie auf solche Art den Schmerz wegen ihres bitteren Schicksals verdeckte, konnte und wollte ich nicht beurteilen.

Komischerweise ging es ihr in den Wintertagen wieder etwas besser. Das heißt, sie hatte weniger Schmerzen als sonst und kam mit den verschriebenen Schmerzmitteln ganz gut über die Runden, was natürlich kein Ersatz für eine richtige Therapie war, die es immer noch nicht gab und noch Jahrzehnte später nicht oder nur in einem unzureichenden Umfang geben sollte.

Wenn sie mal einen guten Tag hatte, spazierte sie in eine Decke eingemummt und mit einem Becher Tee in den Händen im verschneiten Garten herum, stieg auf den Hügel und blickte lange auf den Fluß hinunter. Eigentlich durfte ich ihr das nicht erlauben, denn eine Lungenentzündung oder etwas Ähnliches war wirklich das Allerletzte, was wir jetzt noch brauchen konnten.

Abends machten wir uns soweit es möglich war immer gemütlich. Ich hatte sämtliche Platten von Django Reinhardt besorgt – und von Babo Rose. Während wir den Königen des Zigeunerjazz lauschten entwickelte sich manchmal ein zäher Kampf zwischen uns, wenn sie nach einer Zigarette verlangte oder einem Gläschen Rotwein, und ich, der eingebildete Professor der Medizin, es ihr aus tausenderlei Gründen zu verweigern versuchte. Sie gewann immer!

Eines Mittags stand so ein alter Krawatten-Heini im schwarzen Anzug und mit einer Aktentasche in der Hand vor der Tür. Ich wollte ihn schon vom Grundstück prügeln, weil ich dachte, er sei ein Bestatter, der über seine Kontakte zum Krankenhaus von dem Fall erfahren hat und nun vorsorglich seine Dienste anbieten will. Aber Odette meinte, sie hätte ihn zu sich bestellt. Ich solle endlich mal wieder studieren gehen und sie mit dem Mann bis zum Abend allein lassen. Naja, wie ein Lustmolch, der es in seiner Notgeilheit sogar mit AIDS-Kranken zu treiben bereit war, sah der Kerl nicht gerade aus, also ging ich. Ich sollte ihn einige Monate später wiedersehen.

Alle zwei Tage wusch ich Odette. Der Anblick ihres verwüsteten Körpers machte mir nichts aus. Für mich war sie immer noch mein hübsches Mädchen aus einer fernen Galaxis. Ich versuchte mit dem Schwamm so vorsichtig zu sein wie es nur ging und übte nur einen hauchmilden Druck auf ihre Haut aus. Trotzdem krümmte sie sich manchmal vor Schmerzen. Am schlimmsten war es beim Haarewaschen. Büschelweise blieben ihre schönen Haare zwischen meinen Fingern haften. Es war sehr schwer für mich, dabei die Contenance zu wahren und so zu tun, als sei das die normalste Sache der Welt.

Im neuen Jahr nach Februar begann es mit ihr so richtig bergabzugehen. Ihr Körper und das Gesicht verwandelten sich in ein Knochenrelief und ihre ozeanblauen Augen verloren ihren Glanz. Dennoch weigerte sie sich ins Krankenhaus zurückzugehen, was ich ihr offengesagt nicht übelnehmen konnte, denn was hätten sie dort mit ihr schon Großartiges anstellen sollen, als sie wie ich mit noch mehr Medikamenten vollzupumpen. Die Beatmungsmaske kam jetzt immer öfter zum Einsatz.

An einem Abend lag sie wieder so da im Bett, die Maske auf dem Gesicht, die Sauerstofflasche neben ihr auf dem Boden. Ich hatte nur ein paar der asiatischen Laternen angezündet und hoffte, daß sie bald einschlafen würde.

Mit einem Mal nahm sie die Maske vom Gesicht und wandte sich zu mir.

»Hey du, ich bitte dich um einen Riesengefallen«, sagte sie mit kaum hörbarer Stimme.

»Klar, alles, was du verlangst, mein Mädchen«, erwiderte ich und lächelte ihr zu.
»Bitte schlaf noch einmal, noch ein allerletztes Mal mit mir. Ich weiß, daß ich inzwischen wie einem Horrorfilm entsprungen aussehe und daß du den größten Ekel deines Lebens vor meinem Körper empfinden mußt. Und bestimmt Angst. Aber wir küssen uns nicht, und du ziehst dir ein Kondom über, von mir aus auch zwei übereinander. Du würdest mich so glücklich machen.«

»Nein!« schrie ich und sprang vom Stuhl hoch, »Niemals!«

Unwillkürlich schossen mir die Tränen in die Augen.

»Schade, es hätte mir so viel bedeutet«, sagte sie und wollte sich wieder abwenden.

»Nein«, wiederholte ich, ging zu ihr und knöpfte mir in Sekundenschnelle das Hemd auf. »Eher sterbe ich, als daß ich dich mit einem Gummi liebe und dich dabei nicht küsse. Mir ist sowie alles scheißegal. Wenn du gehst, wird auch von mir nicht mehr viel übrig bleiben. Ich dachte, du würdest mich nie fragen.«

Ich ließ es ganz vorsichtig angehen, ganz langsam, ganz zärtlich, ganz sanft, nur mit dem Gefühl geradewegs aus dem Zentrum meines Herzens. So gut es ging versuchte ich mich nicht auf ihr Häuflein von Körper zu stützen, der inzwischen so um die 40 Kilo wiegen mußte, vielleicht noch weniger. Ich streichelte sie dabei und küßte sie immer wieder. Noch ein letztes Mal öffnete sich mir ihr süßes Paradies der betörenden Düfte, der vibrierenden Schoßbewegungen und der einlullenden Laute. Wenn sie außer Atem kam, verlangsamte ich den Rhythmus bis fast zum Stillstand. Doch dann forderte sie mich wieder über ihr leises Stöhnen und ihre geheimnisvollen Regungen auf, fortzufahren. Ich machte sie glücklich, sie machte mich glücklich, oh, wir badeten im Glück, oh, was war das für ein unfaßbares Glück!

Odette starb 1984 am Vormittag des 4. April in meinen Armen. Sie wurde nur 23 Jahr alt. Wir kannten uns nicht einmal ein volles Jahr.

Es muß ein schöner Tod gewesen sein. Sie glitt in den Morgenstunden immer wieder weg, kam aber dann doch zu mir zurück.
»Hey, wo warst du gewesen?« sagte ich dann, »Bist mir doch etwa nicht wieder fremdgegangen, du Luder.«

Sie versuchte zu lächeln, was ihr aber nur noch halbwegs gelang. Dann begann von ihren Mundwinkeln Sabber zu rinnen, den ich sofort wegwischte. Ebenso das dünne Rinnsal an Blut aus ihren Nasenlöchern zwischendurch. Wenn es irgendeine Möglichkeit gegeben hätte, ihr zu folgen, ganz ehrlich, ich hätte es getan!

In den letzten Stunden hatte sie ihre Wunderaugen für immer geschlossen und atmete nur noch ganz langsam und flach. Sie schien sich auf ihre letzte Reise vorzubereiten, mit einem betörenden Ausdruck im Gesicht.

Und dann, als sie ihren letzten Atem aushauchte, da leuchtete sie. VERDAMMT, ICH SCHWÖR´S, DIE FRAU LEUCHTETE, DIESER MENSCH LEUCHTETE, MEIN MÄDCHEN LEUCHTETE WIE ZAUBERFEUER! Und in dieses Leuchten fielen meine tausend Tränen, doch bevor sie ihr Gesicht erreichten, verdunsteten sie.

Draußen schien die Sonne überhell, und die vielen Blumen im Garten blühten nur für sie, zu ihren Ehren, bis sie schließlich zu einem unglaublichen Farbenrausch explodierten.

Zum zweiten Mal innerhalb von ein paar Monaten stand ich allein mit dem Priester am Familiengrab der Fourniers. Ich hatte mir einen Kredit über 3000 Mark von der Bank genommen, für den meine Eltern gebürgt hatten, damit ich ihr anständiges Begräbnis ermöglichen konnte. Ich kaufte ihr den besten Sarg, gab einen sehr schönen Grabstein aus grauem, unbehauenem Granit in Auftrag und ließ darauf eingravieren:

Odette

1961 – 1984

Für immer

Wie sie damals blieb ich noch lange nachdem der Priester verschwunden war am offenen Grab und stierte wie betäubt auf den Sarg herunter. Obwohl auf der Welt Milliarden Menschen lebten, war ich jetzt ganz allein. Und würde es auch bleiben. Für immer.

Eineinhalb Monate später erhielt ich einen Anruf von einer Notar-Kanzlei. Der alte Krawatten-Heini, den ich damals verprügeln wollte, war am Apparat und bat mich zu einem Gespräch. Es stellte sich heraus, daß Odette das gesamte Vermögen ihrer Mutter, sie selbst besaß eh keins, mir hinterlassen hatte. Irgendwelche Verwandte gab es nicht. Ich hatte nicht nur das viele Geld auf der Bank, Wertpapiere, den kostbaren Schmuck im Schließfach, die Tantiemen-Fortzahlungen für die vielen wissenschaftlichen Bücher von Frau Fournier, sondern auch das Haus und das große Grundstück geerbt. Danke, mein Mädchen, und ein inniger Schmatzekuß!

Das Haus verkaufte ich, doch am liebsten hätte ich es samt des Gartenhäuschens niedergebrannt. Aber die ganz fette Kohle brachten die Exponate aus aller Herrenländer, die die alte Dame von ihren Expeditionen mitgebracht hatte. Ich ließ sie versteigern oder sie von Museen für teures Geld übernehmen. Ich, Trottel, verkaufte sogar die „Große Heckflosse”, die heutzutage bei Sammlern und Liebhabern nicht mit Gold aufzuwiegen wäre, weil die Karre praktisch neuwertig war und der Zähler am Tacho, und jetzt ganz stark bleiben, Mitglieder des Mercedes-Benz-Clans, lächerliche 10-tausend Kilometer anzeigte.

Am Ende kam so um die 1,2 Million Mark zusammen, die ich langfristig anlegte – und von der ich natürlich keinen einzigen Groschen für mich behalten wollte. Wie Odette konnte ich mit Geld nie viel anfangen. Ich wollte es für einen guten Zweck spenden, sobald ich ein interessantes Projekt gefunden hätte.

Danach stürzte ich mich mit Feuereifer in mein Studium und darauf folgend in die Promotion. Ich begann mir allmählich einen Namen als Literaturwissenschaftler zu machen, wenn auch einen umstrittenen. Meine Beziehungen zu Frauen, eh an einer Hand abzuzählen, hielten nie mehr als ein paar Wochen. Warum? Weil ich diese Frauen nicht liebte, nicht lieben konnte. Schlußendlich sollte der Arschloch-Mann recht behalten.

1989 wurde Nicolae Ceaușescu gestürzt und gemeinsam mit seiner Frau Elena nach einem Schnellverfahren, in dem man die beiden zu Tode verurteilte, von Offizieren vor laufender Kamera erschossen. Es sollte aber noch ein Weilchen dauern, bis in Rumänien die Demokratie einkehrte und das Land sich dem Westen öffnete.

1990 sah ich einen Fernsehbericht über die erschütternden Zustände im rumänischen Kinderheim Cighid, das in Wahrheit ein Sterbelager war. Die Bilder gingen damals um die Welt. Sie zeigten die Waisenkinder, die in bitterer Kälte halbnackt ihrem Tod entgegendämmerten. Eingepfercht in Kerker und Zwinger. Unterernährt und verwahrlost. Viele konnten nicht sprechen, weil nie jemand mit ihnen redete; viele konnten nicht laufen, weil sie in kleinen Gitterbetten keine Bewegungsfreiheit hatten. »Man hätte sie gleich nach der Geburt töten sollen«, sprach eine Pflegerin ins Mikrofon.

Ich war geschockt, sprachlos, außer mir vor Wut – und wußte doch im selben Moment, welche Bestimmung Odettes Geld besaß. Allerdings konnte ich mir auch denken, daß jetzt viele Schwindler und Verbrecher auf den Plan treten, das Mitleid der Spender für sich ausnutzen, große Versprechungen und Ankündigungen machen, aber anstatt für eine Humanisierung der Zustände zu sorgen, die Millionen in der eigenen Tasche verschwinden lassen würden. Ich wollte mich vor Ort mit eigenen Augen von den Vorgängen überzeugen und eine seriöse Organisation ermitteln, die diesem himmelschreienden Elend tatsächlich ein Ende zu bereiten gewillt war.

Schon am nächsten Tag flog ich nach Rumänien, doch bevor ich „Die verlorenen Kinder von Cighid” nahe der Stadt Oradea aufsuchte, hatte ich noch einen anderen Termin auf dem Zettel. Mit einem Leih-Jeep fuhr ich über die grausigsten Straßen, die mir je untergekommen waren, zu den Karpaten, zu jenem Ort, von dem mir Margot Fournier erzählt hatte, daß sie dort Odette zum ersten Mal begegnet sei.

Die Landschaft, meist durchzogen von Fichtenwäldern, raubte mir ob ihrer Pracht den Atem. Schluchten, Täler, ja, selbst Felsmassive waren von einem übernatürlich leuchtenden Grün wie eingeschneit, komplett moosbewachsene Bäume reihten sich gleich tausendfach aneinander. Bären mit ihren kleinen Jungen und Widder kreuzten am Straßenrand immer wieder meinen Weg.

Schließlich gelangte ich zu dem Tal, wo diese mystischen Sex-Wesen ihre Heimat haben sollten. Und tatsächlich, dort in der Ferne erblickte ich die Umrisse von so etwas wie einem Dorf. Ich stoppte den Jeep, stieg aus und näherte mich dieser Ansammlung von Hütten zu Fuß. Keine Menschenseele war jedoch zu sehen, und als ich inmitten der Holzklitschen stand, sah ich, daß sie allesamt verlassen worden und vielfach in sich zusammengefallen waren. Hier lebte seit Jahrzehnten kein Mensch mehr. Ich hatte es nicht direkt erwartet, aber es mir erhofft.

Dann passierte etwas. Ich sah es nicht mit meinen wirklichen Augen, nein, ich sah es durch mein inneres Auge. Vielleicht war es eine Einbildung, vielleicht aber auch der Geist, der diesem Ort innewohnte.

Sie tauchten auf, in einer funkelnden, regenbogenfarbigen Staubwolke. Obwohl sie in zerrissenen Lumpen gekleidet waren und Gesichter und Köper von Schmutzstriemen durchzogen, strahlten sie eine derartig unfaßbare Schönheit aus, an die nicht einmal manipulierte Aufnahmen von Modell in Mode-Zeitschriften heranreichen würden. Sie standen paarweise in diesem unwirklichen Szenario reglos da und starrten mich durch ihre glühend blauen Augen an. Schemenhaft waren sie und dann wieder ganz scharf und kontrastreich. Ich hatte noch niemals zuvor solche attraktiven Menschen gesehen. Das heißt, einmal, ja, einmal war mir solch ein Übermensch untergekommen. Aber dieser Mensch fehlte.

Ich kehrte zum Jeep zurück, holte die zwei Kanister Benzin von der Heckaufhängung runter und tränkte damit jede einzelne Hütte ein. Dann brannte ich diesen Geisterdorf nieder! In all dem Feuer um mich her tanzte und lachte ich wie ein Irrer und rief unter Tränen immer wieder nach Odette. Zum Schluß nahm ich aus der Jackentasche ihre weißen Abendhandschuhe mit großer Schleife und Spitzen-Einsätzen von damals, die ich die ganze Zeit aufbewahrt hatte, und warf sie mit ins Feuer.

In der Stadt Oradea waren bereits viele Hilfsorganisationen eingetroffen, die sich um die erbarmungswürdigen Waisenkinder kümmerten. Ob sie diesen zerstörten Seelen je wirklich würden helfen können, war fraglich. Denn diese an extremste Form von Hospitalismus und unter körperlichen Gebrechen, vornehmlich Verwachsungen durch die unsägliche Käfighaltung, leidenden Kinder wirkten allesamt wie zynische Karikaturen ihres eigenen Leichnams.

Eine der Organisationen, ein nur aus Frauen bestehendes französisches Kinderhilfswerk, das international operierte, hielt ich für besonders kompetent. Schnell kam ich ins Gespräch mit diesen wahrhaft aufopferungsvollen Frauen und legte ihnen mein Ansinnen bezüglich der 1,2 Millionen Mark dar, aus der durch meine geschickte Anlagestrategie inzwischen 1,3 Mio geworden war. Sie konnten es nicht fassen und meinten, mit so viel Kohle könne man hier 10 Heime auf Luxusniveau hochziehen.

Während ich mir ihre Arbeit und Pläne erklären ließ, fiel mir ein kleines Mädchen mit pechschwarzen Haaren auf, das die Frauen aktuell betreuten. Es war apathisch, sprach kein Wort und schaute nur mit leerem Blick vor sich hin. Nicht einmal mit der niedlichen Puppe, die ihm die Helferinnen geschenkt hatten, konnte es etwas anfangen. Sie schätzten ihr Alter auf vier Jahre ein, und ob ihre Eltern Zigeuner waren, wußten sie nicht. Ihr Anblick brach mir das Herz, ihre durch und durch kaputte Erscheinung zerriß mich förmlich.

Nach drei schlaflosen Nächten in einem Hotel, das eher einer holzwurmzerfressenen Bruchbude für Obdachlose ähnelte, rang ich mich zu einem Entschluß durch. Zu einem butterweichen Entschluß, weil ich mir immer noch unsicher darüber war, ob ausgerechnet ich, selber ein Kaputtnix von Gottesgnaden, die Folgen dieses Entschlusses wirklich stemmen könnte. Aber was blieb mir anderes übrig, nachdem ich dem ultimativen Horror ins Angesicht geblickt hatte?

Ich fragte die Frauen, ob ich die Kleine adoptieren könne. Das sei sogar sehr erwünscht, sagten sie zu meiner Überraschung und leiteten sofort alles in die Wege.

So kam ich schon im jungen Alter unverhofft zu einer Tochter und hatte keine Zeit mehr, in Erinnerungen zu schwelgen und an ihnen zugrunde zu gehen. Notgedrungen streifte ich meine Einsamkeit ab. Ich gab ihr den Namen Odette und zog sie auf. Nach ersten schwierigen Jahren entwickelte sich mein Schatz zu einem wahren Wunder an Schönheit und Klugheit. Sie war immer die Klassenbeste und die Begehrteste in ihrem Jahrgang. Heute ist sie eine der besten Gynäkologinnen Münchens, ist verheiratet und hat ihrerseits eine kleine Tochter.

Sie kommt mich oft besuchen. Aber ehrlichgesagt bin ich auch froh, wenn sie wieder geht. Denn jedes Mal, wenn sie bei mir ist, checkt sie mich erstmal gründlich durch und hält mir dann stundenlang eine Standpauke. Von wegen ich solle weniger, am besten überhaupt nicht mehr saufen, beim Essen öfter Mal das Fleisch weglassen, dafür viel Gemüse und Obst zu mir nehmen und – jetzt folgt ein rumänischer Witz – allen Ernstes Sport treiben. Jaja, Kinder bereiten einem nicht nur immer Freude.

Jeden ersten Sonntag des Monats gehe ich Odette auf dem Friedhof besuchen. Ich bringe ihr Blumen mit und frische ihr Grab auf. Bei der Auswahl der Blumen gebe ich mir besondere Mühe, denn ich will sie immer mit einer neuen Sorte überraschen. Und dann beginne ich mit ihr zu sprechen. Über dies und das, was so halt läuft bei mir.

Und sie spricht mit mir! Sie fragt mich, ob ich endlich wieder eine Frau hätte. Nein, antworte ich dann genervt, aber in meiner neuen Vorlesung, da wäre diese wirklich entzückende Studentin, würde immer in Second-Hand-Klomotten rumlaufen und so, also ich wüßte nicht, wenn … Da macht sie natürlich sofort dicht, haha! Und erzählt mir dann den gleichen Quark wie meine Tochter von wegen Saufen einstellen und wie ein Wahnsinniger Gemüse und Obst essen. Ausgerechnet sie will mir was von Gesundheit erzählen. Die spinnt doch, die Alte. Weiber!

Ach ja, bevor ich mich von ihr verabschiede, bete ich immer für sie. Sie haben richtig gehört, der olle Atheist hat das Beten gelernt. Ich weiß allerdings nicht, zu welchem Gott ich bete, und wenn’s der böse Devel ist, ist’s mir auch recht. Ich bete zu dem Gott, der sie erschaffen und schnell wieder zu sich geholt hat, weil er eifersüchtig wurde. Ich sage zu diesem Gott, daß er auf mein Mädchen ja aufpassen soll, daß er es ja gut behandeln soll. In ein paar Jahren bin ich nämlich auch dort, wo Odette sich jetzt aufhält, und wenn ich da Klagen von ihr höre, dann gnade dir Gott, Gott! Ich habe keine Angst vor dir, ich kann auch anders, ich bin einer vom alten Schlag!

Aber ich erbitte diesen Gott auch um einen Gefallen. Ich bitte Gott darum, daß er mir ab und an Odette so zeigen möge wie damals, als ich ihr zum ersten Mal begegnete. Mit ihrem Porzellan-Gesicht, so zart, so zerbrechlich, so feingeschnitten, ihre azurblauen Augen wie von grellen Lampen dahinter angestrahlt, ihre karmesinrot geschminkten großen Lippen, ihre kupferfarbenen, schulterlangen Haare, in Zeitlupe in alle Richtungen wehend, in ihrem Second-Hand-Spaghettiträger-Kleid aus den 60ern, mit riesenhaften Blumenmotiven in schwindelerregenden und satten Farben bedruckt und ihre Wespentaille noch enger zusammenschnürend, mit der schwarzen Retro-Lack-Damentasche um die Schulter und den bis zu den Ellbogen reichenden strahlend weißen Abendhandschuhen. Darum bitte ich Gott.

Und weil Gott gehörigen Respekt vor mir hat, zeigt er mir sie bisweilen so – in meinen Träumen.

Wie wär´s, wenn Sie mitbeten? Für Odette. Kann ja nicht schaden, sagt man. Ja, lassen Sie uns alle für sie beten, für ihr Seelenheil, was auch immer das sein mag, dafür, daß sie dort, wo immer sie jetzt ist, wohl behütet ist, ja, daß sie irgendwie weiter existiert. Lassen Sie uns also beten. Amen.

Copyright © 2021 by Akif Pirinçci, Bonn

Model: Yael Shelbia


Nachtrag

Handlung und Charaktere der Novelle ODETTE sind rein fiktional, Ähnlichkeiten mit verstorbenen oder noch lebenden Personen sind rein zufällig. Aus dramaturgischer Notwendigkeit heraus wurden reale Begebenheiten aus der Historie zeitlich vor- oder zurückversetzt.

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