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Es war spät abends, und wir saßen wieder im Gartenhäuschen. Odette hatte die überall im Raum platzierten Kerzen und die asiatischen Laternen angezündet, so daß alles von einem augenschmeichelnden Dämmer erleuchtet wurde. Man hatte sie vor einer Woche aus dem Krankenhaus mit der Auflage entlassen, sich regelmäßig bei einem psychologischen Dienst zu melden. Seitdem stürzte sie sich mit Feuereifer wieder auf ihr Second-Hand-Zeug, nähte bei einigen Jacken die Krägen um, erneuerte zerrissene Stellen am Stoff oder änderte die Größen. Gerade tauschte sie matt gewordene oder zersprungene Knöpfe gegen neue aus.

Eigentlich war ich gekommen, um meine wenigen Sachen, die ich während unserer kurzen “Liaison” – sagte man das so? – hier gelassen hatte, abzuholen, da ich mit ihr endgültig Schluß machen wollte. Über meine Begegnung mit dem Arschloch-Mann mit den inflationären Brusthaaren und Siegelringen in der Kaschemme hatte ich ihr nichts erzählt, weil sie dessen interessanten Kenntnisse über ihre Vergangenheit bestimmt ableugnen würde.

Was natürlich eine Selbstlüge war! Im Gegenteil, ich fürchtete mich panisch davor, daß sie dann sagen würde »Ja, es ist alles wahr, was der Arschloch-Mann dir gesagt hat. Aber das habe ich dir doch schon selber gesagt, daß es meine Natur ist, daß mein Mund, meine kleine Muschi und mein Arsch ein Gratis-Jahrmarkt für Männer jeder Couleur sind, einfach so, daß du dich in die Falsche verguckt hast. Gewöhnlich lernen solche Typen wie du in der Uni irgend so eine bürgerliche Pflaume kennen, ihr fickt miteinander in euren Studentenheim-Zimmern, nachdem ihr euch frisch geduscht habt, irre aufregend!, heiratet irgendwann, bekommt Kinder und baut euch ein Eigenheim. Dann geht jeder von euch seinen eigenen Hobbys nach. Sie ist im Tennis-Club, und du guckst dir heimlich Porno-Videos im Keller an. Gut aufpassen, vielleicht siehst du mich eines Tages auch darin, mich, den Neger, den marokkanischen Ingenieur und den Arschloch-Mann, wie wir unser Tagewerk verrichten. Ich wink dir zu.«

Daß sie das sagen würde, davor hatte ich Angst.

Sie trug ein leichtes, ärmelloses kanariengelbes Sommerkleid aus einem tüllartigen Stoff, ebenfalls Second Hand, durch dessen Oberteil leicht ihre Brüste schimmerten. Die Kupferhaare hatte sie sich nach hinten gekämmt, so daß ihr Porzellan-Gesicht mit den blauen Strahle-Augen ganz offen war und im Schein der vielen Lichter warm wie aus einer Ofenglut leuchtete. Nur die Lippen waren wie immer karmesinrot geschminkt.

Sie ahnte wohl, nein, sie wußte bestimmt, warum ich gekommen war. Abschiednehmen – der Witz des Jahrhunderts! Wovon Abschied nehmen, du Trottel, vom Atmen, von Essen und Trinken, vom Leben?!

Während sie die neuen Knöpfe an irgendwelche Westen und Jacken annähte, blickte sie mich zwischendurch immer wieder mit einem wissenden Lächeln an, immer so, daß man es einerseits als die süße Liebesbezeugung einer nichtsahnenden Unschuld deuten konnte, anderseits als Spott auf mein Vorhaben, so, als würde sie sagen wollen 
»Da bin ich aber mal auf deinen Abschied schwer gespannt, Freundchen«.

Fast eine halbe Stunde lang ging das so weiter, sie einen alten Knopf nach dem anderen vom Stoff lösend, den neuen ansetzend, ihn mit unheimlicher Geschwindigkeit drannähend, und ich wie im Bernstein versiegelt sie regungslos anstarrend. Und das ohne ein einziges Wort zu wechseln. Es war ein beklopptes Duell.

Dann stand ich vom Stuhl auf, ging zu ihr hin und verpaßte ihrem göttlichen Gesicht eine derart saftige Ohrfeige, daß sie vom Sessel flog. Ich baute mich breitbeinig über ihr auf und öffnete die Gürtelschnalle und den Reißverschluß an meiner Hose.

»Du wirst ab jetzt mit keinem anderen Mann mehr ficken, du Scheiß-Nutte!« brüllte ich.

Danach stürzte ich mich auf sie und riß ihren Scheiß-Kanarien-Kleid und ihren Scheiß-Slip wie ein Berserker in tausend Fetzen. Ich stemmte sie auf den Bauch, hob ihren Hintern hoch und rammte meinen Schwanz mit voller Wucht in sie hinein.

Erstaunlich, sie war sofort feucht! Und weiter erstaunlich, es war sofort wie bei unserem ersten Mal, explosiv, überwältigend, als sei nichts passiert, als wäre alles Ungeheuerliche, was dazwischen geschehen war, eine Werbeunterbrechung, Reklame für einen skurrilen Kinofilm gewesen.

»Du wirst …” brüllte ich weiter wie von Sinnen, »… du wirst ab jetzt nur noch meinen Hammer in dir spüren!«

»Ja, ja, ja«, keuchte sie. Und: »Mal sehen …«

Daraufhin packte ich so fest es ging ihre Arschbacken und knallte sie im irrsinnigen Tempo weiter. Es war eine bizarre Mischung aus unbändiger Wut, Haß auf sie und vollendeter Glückseligkeit, und würde man mir heute die ultimative Droge anbieten mit der Verheißung auf den Eintritt ins Elysium, würde ich sagen »Danke, sehr nett, aber das hatte ich schon.«

Was versprach ich mir davon, neben der unwiderstehlichen Verlockung auf ewige Lust versteht sich? Ihre Heilung? War ich jetzt der Fick-Exorzist, der den Dämon aus ihr austreiben wollte, indem ich mich ihr als ein Dämon-Surrogat andiente? Aber ein Dämon zeichnete sich doch gerade dadurch aus, daß er absolut und einzigartig böse war und mit seiner absoluten und einzigartigen Bösartigkeit in eine Welt einbrach, die vorher heile gewesen war. Das machte die Faszination um ihn aus. Odettes Welt war aber nicht heile, war sie nie gewesen, sondern rätselhaft, gegen jede weibliche Gepflogenheit, auf den Kopf gestellt. Ich kleiner Dämon hatte in Wahrheit keine Chance gegen den großen Dämon, so heftig ich auch in sie hineinstieß.

Als wir fertig waren, drehte sie sich mit einem sehr ernsten Ausdruck zu mir um und sagte: »Schlag mich nie wieder. Nachher gefällt es mir noch, und dann haben wir den Salat.«

Zu jener Zeit, 1983, hatten wir keine Handys, auch keine PCs und Laptops usw. All diese Wunderwerke kannten wir nur aus Sciencefiction-Filmen, und wir hätten es uns nicht einmal im Traum vorstellen können, daß es nur noch ein paar Jahre dauern würde, bis die heutige Hyperkommunikation über uns hereinbrechen würde.

Dafür besaßen wir einen Instinkt und wußten immer, wer wann wo anzutreffen war. Insbesondere Odette besaß diesen Instinkt.

Nach einer Vorlesung unterhielt ich mich mit einer Kommilitonin im Park der Uni über bevorstehende Klausuren. Sie war so eine klassische Blondine mit langem Wallehaar, einem Pirelli-Kalender-Gesicht und schwindelerregenden Kurven. Ich ließ jetzt nichts unversucht, andere Frauen kennenzulernen, damit ich, ja, wie soll ich sagen, um eine Alternative zu Odette zu haben, besser noch, von ihr loszukommen, wieder zu gesunden”. Es glich ungefähr dem Plan, von Heroin auf Eierlikör umzusteigen und festzustellen Mensch, das ist ja das Gleiche!” Dabei hätte diese Frau vor mir ebenso gut eine Vogelscheuche mit einem übergestülpten BH sein können, so attraktiv sie auch war. Aber bekanntlich starb die Hoffnung ja zuletzt.

Plötzlich tauchte Odette neben uns auf. Allerliebst in einem rostbraunen Röhrenrock aus den 60ern und so perfekt geschminkt, als sei sie unterwegs zu einem Fotoshooting. Ich fühlte mich ertappt und stammelte gleich so etwas wie »Hallo, Odette, darf ich vorstellen, das ist meine Kommilitonin …«

Sie musterte die Blondine nur kurz mit einem Blick, mit dem auch der Schlachter das Schlachtvieh mustert, bevor er zu Werke geht, und sagte dann zu ihr »Hau ab!«

Diese zuckte zusammen, verdrehte die Augen und verschwand wütend stampfenden Schrittes davon. Das war´s mit der Gesundung!

»Odette, das kannst du nicht tun, ich meine …« begann ich.

»Pschhht, ruhig, ich habe eine gute Nachricht«, sagte sie und leckte sich kurz mit der Zungenspitze über ihre wulstigen Lippen. »Wir machen Urlaub!«

»Urlaub? Ich studiere, Odette, jedenfalls versuche ich es, seitdem ich dich kennengelernt habe. Ich kann keinen Urlaub machen.«

»Es ist ein Kurzurlaub. Wir fahren Freitag in der Frühe los und kommen Montag wieder zurück.«

»Und wo machen wir Kurzurlaub?«

»Im Bayerischen Wald.«

»Aber ich habe kein Geld für einen Urlaub, nicht einmal für einen Kurzurlaub. Ich bin ein armer Student, das weißt du doch.«

»Pffft«, machte sie, »Wer braucht schon Geld? Also hör zu, im Gegensatz zu dir, Herr Student, habe ich eine abgeschlossene Berufsausbildung.«

Ich wollte eine anzügliche Bemerkung hinsichtlich ihrer Neigung vom Stapel lassen, aber da hob sie bedeutungsschwer und drohend eine Augenbraue.

»Was hast du denn für eine Ausbildung?«

»Hotelfachfrau. Ich habe mit 17 Jahren eine Ausbildung in diesem Waldhotel angefangen und sie drei Jahre später abgeschlossen. Es ist so herrlich dort, wie im Paradies, mit einem angrenzenden kleinen See. Das Hotel, `Waldhotel Devel´ hieß es, wurde damals von einem älteren Ehepaar geführt, von den Romanis, wirklich total liebe Leute. Sie kannten noch meine Großeltern aus dem Balkan. Aber dann verloren sie die Lust daran, setzten sich zur Ruhe und bauten das Gebäude zu ihrem Wohnsitz um. Sie veranstalten seitdem jedes Jahr ein Sommerfest, so prachtvoll, daß dir die Spucke wegbleiben wird. Mit Live-Musik und so. Es kommen immer ehemalige Stammgäste zusammen, meist reiche Leute, und feiern daß die Schwarte kracht. Wir könnten uns dort für ein paar Tage erholen, im See schwimmen, eine Wanderung machen und uns vollfressen.«

»Und wie kommen wir dahin? Ich habe auch kein Geld für ein Bahnticket.«

»Hast du einen Führerschein?«

»Klar habe ich einen Führerschein. Muß mir nur noch den passenden Wagen zulegen, kann mich allerdings nicht für die richtige Farbe entscheiden.«

Ich wußte nicht, was ich davon halten sollte, aber die Aussicht auf ein bißchen Abwechselung, wenn auch kurz, gefiel mir doch. Vor allem dachte ich dabei an Odette, an das, was sie sich angetan hatte, und daß sie jetzt in Erwartung dieses kleinen Abenteuers wie aufgeblüht schien.

Früh am Morgen schmierten wir ein paar Butterbrote, kochten Kaffee für die Thermoskanne und verstauten das Allernötigste in einem Koffer. Ich hatte gedacht, irgendein Bekannter Odettes würde uns seinen Wagen leihen, schließlich hatte sie ja viele “Bekannte”, und ihn jeden Moment vorbeibringen. Aber Odette forderte mich einfach auf, zum Eingang des Hauses der alten Dame mitzukommen, von der sie mir erzählt hatte, daß sie sich um sie gelegentlich kümmere und sie sie im Gegenzug mietfrei in der Laube wohnen ließe. Dabei fiel mir ein, daß ich diese Oma kein einziges Mal zu Gesicht bekommen hatte.

Dort im unteren Bereich der Vorderseite befand sich eine Garage, die ich zwar schon etliche Male gesehen, aber kaum beachtet hatte. Odette öffnete das Tor, und das, was ich drinnen erblickte, raubte mir den Atem. Damals wußte ich nicht, um welches Modell es sich handelte, aber viele Jahre später machte ich mich kundig und fand heraus, daß es ein Mercedes-Benz der Baureihe 111 vom Anfang der 60er gewesen war, unter Liebhabern auch “Die große Heckflosse” genannt. Dieser Traum in Weinrot stand, sauber, makellos und frisch poliert wie soeben vom Werk geliefert, in seiner ganzen Pracht und Herrlichkeit einfach so da und lachte mich mit seinem chromblitzenden Kühlergrill und seinen riesigen Scheinwerfer-Augen an.

»Es macht sich doch schon bezahlt, daß man die stinkenden Ekzeme am Körper einer 78-jährigen jeden zweiten Abend mit der noch grausiger stinkenden Salbe einreibt«, sagte Odette, hob die rechte Hand in die Höhe und klimperte mit den Schlüsseln. »Gehörte ihrem verstorbenen Mann, der damit nur sonntags fuhr – vermutlich zum Puff, der Genießer!«

Diese Fahrt nach Bayern ist eines der schönsten Erinnerungen an Odette, die mir haftenblieb. Wir hielten unterwegs an, wo es uns gerade gefiel, verspeisten unsere belegten Brote, tranken Kaffee, rauchten und verschlangen mit unseren Augen stumm die atemberaubenden Panoramen. Damals war Deutschland, ja, noch deutsch, unverwechselbar deutsch. Wälder und Täler schmiegten sich aneinander wie Teile eines motivlosen grünen Puzzles, postkartenreife kleine Ortschaften mit ihren hochragenden Kirchtürmen wirkten von der Ferne wie Modelleisenbahn-Deko und noch von Familien geführte Tankstellen und Rasthäuser besaßen den primitiven, aber heimeligen Charme der 50er. Den strahlend blauen Himmel über uns, hörten wir aus dem Radio All night Long” von Lionel Richie und Baby Jane” von Rod Stewart, während wir über alte Steinbrücken rauschten, unter uns reißende Bäche und Flüsse.

Als wir schließlich von der Autobahn abbogen und über Landstraße in den Bayerischen Wald hineinfuhren begegneten uns am Fahrbahnrand alle naselang Stände, an denen Jugendliche frisch gepflückte wilde Erdbeeren feilboten, ein Schälchen für 1 Mark fünfzig. Unsere Luxus-Karosse lief übrigens die ganze Strecke über wie eine gutgelaunte Nähmaschine, ohne sich auch nur ein einziges Mal zu räuspern.

Dann ging es ohne eine einzige Menschenseele zu sehen eine halbe Stunde lang über einen Waldweg ins immer dichter werdende Gehölz, bis sich irgendwann ein Vorhang aus Sträuchern und herunterhängenden Ästen hob und ein von kunterbunt wuchernden Blumenbeeten umrundeter, großer Platz vor einem riesenhaften, dreigeschossigen Holzgebäude im bayerischen Landhausstiel mit zig Balkonen und Erkern erschien. Dahinter glitzerte in der Ferne ein See im Zwergformat. Überall waren in den Boden gepflanzte Fackeln im noch nicht angezündeten Zustand zu sehen.

Seltsamerweise prunkte über der über eine geschwungene Aufgangstreppe erreichbaren doppelflügeligen Eingangstür immer noch ein Schild mit der Aufschrift Waldhotel Devel”, obwohl Odette mir gesagt hatte, daß dieses alte Ehepaar das ehemalige Gästehaus längst zu ihrem Ruhesitz ausgebaut hätte.

Und da erschienen sie auch schon. Als wir das Auto verließen, kamen gleichzeitig Herr und Frau Romani aus der Tür spaziert, voll jauchzender Freude ob der Wiederbegegnung mir ihrer ehemaligen Azubine.

Auch das war komisch: Nach Odettes Erzählungen hatte ich irgendwelche zitterigen alten Leutchen erwartet, aber die beiden waren höchstens Anfang Fünfzig und noch voll im Schuß. Er, ein südländischer Typ mit pechschwarz gefärbten Haaren, Augenbrauen und einem akkurat gepflegten Schnurbart und trotz der Hitze im Tweed Sakko, ausladender beiger Hose und einer knallroten Fliege um den Hemdkragen. Sie, eine in der ersten Phase ihrer Verwelkung befindliche, ebenfalls wie eine heißblütige Italienerin aussehende Schönheit in einem faltenreichen, augenblendend weißen Kleid, als ginge es gleich zur Trauung in die Kirche. Wie waschechte Bayern sahen die beiden nicht gerade aus.

In der einen Hand hielt Herr Romani ein Tablett mit Wassergläsern, gefüllt mit einem gelblichen Trunk, in dem ein kräuter- und wurzelähnliches Zeug schwamm.

Es wurde so innigst umarmt und mehrmals an die Wangen geküßt, als kehre die verlorene Tochter heim. Odette stellte uns vor.

»Kommt Babo auch?« fragte sie danach Herrn Romani.

»Natürlich Liebes, ohne Babo kann das Fest doch gar nicht stattfinden. Er ist bestimmt gleich hier. Vermutlich ist er wie üblich an der Grenze aufgehalten worden.«

Er zwinkerte ihr mit einem Auge zu und lachte dann ein breites, knatterndes Lachen. Dabei erhaschte ich, daß seine hinteren Zahnreihen komplett aus Silber bestanden.

»Wer ist Babo«, wollte ich wissen, weil ich ihn für einen Onkel oder sonst so ein Familienmitglied hielt.

»Ich dachte, du wärest der Kulturbeflissene von uns«, sagte Odette. »Kennst echt Babo Rose nicht? Das ist der König des Zigeunerjazz, Django Reinhardt ist ein Amateur gegen ihn.«

Okay, ich wußte zwar auch nicht, wer Django Reinhardt war, ich wußte nicht einmal, wie sich Zigeunerjazz anhörte, aber daß es sich bei diesem Babo um den Zuständigen für die Musik handelte, wurde mir jetzt klar.

Danach stießen wir an, und siehe da, dieses auf den ersten Blick ekelig wirkende Gesöff, eine Art Kräuterlikör, schmeckte fabelhaft, erzeugte etwas zeitverzögert eine wohltuende Explosion im Magen und verlieh einem augenblicklich ein beschwingtes Gefühl.

Dennoch fühlte ich mich von der langen Fahrt erschöpft und wollte mich bis zur Abenddämmerung ein bißchen hinlegen.

Wir gingen ins Haus, aber auch hier war von einem großartigen Umbau nichts zu sehen und nichts zu spüren. Sogar die Rezeption mit glattpolierter Theke und dem Schlüsselkasten an der Wand dahinter existierte noch, wenn auch unbesetzt. Frau Romani gab mir den Schlüssel zu einem Zimmer im ersten Geschoß. Odette fühlte sich fit, und wollte unten bleiben und mit ihren ehemaligen Chefs über alte Tage quatschen.

Das Zimmer war so etwas wie die Präsidentensuite, da hatten sich die Romanis echt nicht lumpen lassen. Sehr groß und im bäuerlichen Kunsthandwerk-Stil gestaltet, alles vertäfelt und so, mit ausgesucht wertvollen Möbeln und einem Himmelbett hergerichtet. Ein modernes Bad schloß sich an.

Doch das Überwältigende an diesem im rückwärtigen Teil des Hauses befindlichen Raum war der Blick durch die Fenster. Unten erstreckte sich eine in den See hineinragende, auf baumstammdicken Pflöcken über dem Wasser schwebende und sehr weitläufige hölzerne Plattform, die zugleich Anlegestelle für Boote und den sommerlichen Restaurantbereich des Hotels darstellte. Weiße Stoffpavillons, viele Tische und Stühle, eine offene Küche, eine kleine ebenfalls mit weißer Plane überdachte Bühne, zwischen denen jede Menge Personal wuselte, ließen Vorfreude auf das große Fest aufkommen. Gerade wurden zwei komplette Schweine an einen Drehgrill angehangen.

Direkt unter mir sah ich zu einem mannshohen Haufen gestapeltes Brennholz. Beim genaueren Hinsehen jedoch fiel mir auf, daß das gar kein Holzhaufen war, sondern aufgetürmte spiralenförmige Hörner von Widdern. An den vom Schädel der Tiere zersägten Stellen schimmerte noch Blut. Ich hatte nicht gewußt, daß Widder so eine Delikatesse sind.

Ob es tatsächlich die anstrengende Fahrt oder die Nachwirkung des eben getrunkenen Schnapses war, jedenfalls hatte ich jetzt nicht die rechte Muse, mich mit solchen diffizilen Fragen zu beschäftigen. Ich fiel aufs Bett und schlief auf der Stelle ein.

Im Traum sah ich das Hotel von der anderen Seite des Sees. Die ganze Szenerie war wie überbelichtet, als hätte jemand die Kamerablende bis zum Anschlag aufgedreht. Alle Farben wirkten durch diese strahlende Helligkeit wie aufgesogen. In der Ferne am Ufer auf dem Restaurantdeck spielte eine Zigeunerkapelle ein französisches Chanson oder etwas in der Art, das leise zu mir drang. Vermischt mit der knatternden Lache von Herrn Romani aus dem Nirgendwo.

Vor mir im Wasser sah ich Odette treiben. Sie war tot, eine Wasserleiche. Ihre Kupferhaare hatten sich im Wasser nach allen Richtungen aufgefächert, und ihre Lippen besaßen eine hellblaue Blässe. Dennoch sprach sie zu mir. Sie wandte ihren Kopf aus den gemächlich plätschernden, diamanten funkelnden Wellen zu mir und sagte Für immer. Für immer. Für immer …”

Als ich aufwachte, hörte ich tatsächlich diese wunderschöne Musik. Vermutlich auch der Grund, warum ich aufgewacht war. Ich ging zum Fenster und sah, daß die Party schon angefangen hatte. Schätzungsweise 200 Leute besetzen nun das Deck und ließen sich essend, trinkend und tanzend gut ergehen. Die Sonne war fast verschwunden und hatte am Himmel nur ein aschfahles Rot hinterlassen. Überall brannten die Fackeln, und die Tische wurden ausschließlich mit Tausenden von aus Kandelabern wachsenden Kerzen beleuchtet.

Auf der Bühne spielte eine sechsköpfige Band diese zwischen Jazz und Chanson fluktuierenden Songs. Der Bandleader am Mikrofon, offenkundig der sehnlichst erwartete Babo, der eine riesige Akustikgitarre bediente, schien ein stattlicher Mann zu sein, aber so genau konnte ich das von der Ferne nicht beurteilen.

Ich duschte mich im Rekordtempo, zog mir ein frisches Hemd an, verließ das Zimmer und ging die Treppe herunter. Dabei sah ich aus den Seitenfenstern des Treppenhauses, daß auf dem Hof, wo auch ich geparkt hatte, jetzt mindestens zehn Wagen, allesamt fette Benz´, mit Wohnanhänger standen. Doch es waren keine gewöhnlichen Wohnanhänger, nein, Luxusdampfer waren das! Extrem lang, zweigeschössig und sehr elegant, offenkundig Spezialanfertigungen.

Unten lief ich Odette geradewegs in die Arme, der die Begeisterung aus dem Gesicht zu springen schien.

»Endlich!« sagte sie »Ich dachte schon, du wärst tot.«

»Komisch, ich träumte eben, du wärst tot.«

»Ja, davon träumen die meisten Männer, die mich kennen.«

Sie zog mich an der Hand nach draußen ins Getümmel, und es dauerte nur Sekunden, bis ich registrierte, daß alle Gäste Zigeuner waren. Allerdings keine Zigeuner, die man sonst hier und da bettelnd und in ärmlicher Kleidung umherziehend sah. Es schien sich um die Oberschicht der Zigeuner zu handeln: Kräftige, schnurbärtige junge Männer mit konturscharfen, harten Gesichtszügen in teuren Sommeranzügen und atemberaubend schöne Frauen mit dunklem Teint und in phantasievolle Gewänder gehüllt.

Die Alten waren nicht weniger eindrucksvoll. Eine Siegel-und-Ohrring-Garde mit so großen Köpfen wie Wassermelonen, vollständig aus Gold bestehendem Gebiß, Lackschuhen und vielnarbigen Gesichtern. Es war etwas gewöhnungsbedürftig, zu sehen, daß die alten Frauen, selbst Greise wie die jungen Dinger in freizügigen, dem Flamenco-Design entlehnten Kleidern steckten. Und sie alle rochen, als sei ein Parfümflakon über sie explodiert.

Der befremdliche Anblick wurde jedoch durch die außergewöhnliche Herzlichkeit dieser Leute wettgemacht. Odette stellte mich jedem Einzelnen vor, und jedes Mal mußte ich als Zeichen der neu geschlossenen Freundschaft ein Gläschen von diesem gelben Zeug mit den Kräutern und Wurzeln trinken. Es war tatsächlich ein ungewöhnlicher Schnaps, wenn es überhaupt ein Schnaps war. Er machte alle Zweifel weg, alles Sinnieren weg, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft weg. Er flutete einen nur mit nimmer enden wollender Wärme.

Bald stand und ging ich nicht mehr, ich schwebte, nein, ich flog. Die Farben der Fackelfeuer, der Sterne des Himmels und der schreiend bunten Kleidung der Gäste veränderten ihre Wellenlänge, verschoben sich, wurden zu Fehlfarben, überlagerten die vielen exotischen Gesichter, ja, verformten sie auf eine bezaubernde Art und Weise.

Dazwischen Odette. Immer wieder tauchte sie unversehens in diesem bizarren Rausch auf, in ihrem Schlepptau stets neue Zigeuner, die mich umarmten und an die Wangen küßten, als sei ich ein neu aufgenommenes Clanmitglied. Manchmal sah ich sie vor mir gehen, wie sie mich an der Hand durch die Menge zog, begeistert lachend und mir enthusiastische Dinge zurufend, die ich nicht verstand. Dann wieder war sie von einem Moment zum anderen verschwunden, und ich fragte mich, ob ich mir ihr flackeriges Auftauchen nur eingebildet hatte.

Plötzlich fand ich mich vor der Bühne wieder. Babo war in der Tat eine sehr eindrucksvolle Gestalt. Aber anders als gedacht. Der fette Gitarren-Mann mit dem hauchdünnen Moustache-Bart besaß ein über und über mit Pockennarben gesprenkeltes Gesicht, aus dem ein finsteres Auge hervorstach, das andere war ein starres Glasauge. Er blickte wie betäubt über alle und alles hinweg, als sehe er in fernen Gefilden verheißungsvolle Dinge, die nur er sehen konnte. Sein Spiel hatte etwas Automatenhaftes, so, als würde ein anderer Musiker in ihm stecken und ihn als eine Handpuppe benutzen. Seiner rauen Stimme haftete etwas Einlullendes an, etwas Hypnotisches. Er sang mal auf Französisch, mal auf Italienisch und dann wieder in einer Sprache, die ich nicht kannte und verstand.

Gleichzeitig stellte ich fest, daß die Songs der Band immer melancholischer und trauriger wurden, die so gar nicht zu diesem rauschenden Fest passen wollten. Aber ich wußte nicht, ob diese Eindrücke real waren oder lediglich meinem vollends entrückten, um nicht zu sagen weggetretenen Zustand zuzuschreiben.

Ich drehte mich wieder zu den Feiernden zurück und stellte fest, daß sich bei den männlichen Gästen in der Zwischenzeit etwas Grundlegendes verändert hatte: Ihre Oberkörper waren mit einem Mal entblößt! Auf ihren Köpfen trugen sie jene Widderhörner, die ich nachmittags auf einem Haufen gestapelt gesehen hatte, festgemacht an dünne Metall-Stirnbänder. Sie schauten jetzt sehr tiefsinnig drein.

Die Musik verklang, absolute Stille kehrte ein.

Dann: ein ohrenbetäubender, kehliger, signalartiger Baß! Ich wandte mich zur Bühne zurück und sah Babo stumpfen Blickes wie immer in ein riesiges Knochenhorn blasen, das er mit beiden Händen gerade noch so tragen konnte.

Daraufhin wichen alle Gäste zurück und bildeten inmitten des Stegs so eine leere Arena.

Zunächst passierte nichts, und man hörte nur die periodischen Hornstöße und dazwischen das leise Atmen des Windes. Doch nach und nach traten einzelne junge Frauen hervor und begannen sich zu akkuraten Reihen aufzustellen. Sie alle hatten sich von ihren Kleidern befreit und waren jetzt splitternackt. Auch Odette befand sich unter ihnen. Brüste und Hintern in unterschiedlichsten Formen und dunkle Paradiese zwischen ihren Schenkeln leuchteten in ihrer ganzen Erhabenheit im Schein der Fackeln..

Langsam füllte sich der Platz, bis schließlich niemand mehr hineinpaßte. Die Frauen, eine betörender als die andere, stellten sich etwas breitbeinig auf und bekamen einen konzentrierten Ausdruck.

Dann ertönte der letzte Hornstoß, und wie im Chor fingen die Frauen zu pissen an. Es war der schönste Schauer, den ich im Leben je sehen und hören sollte!

Copyright © 2021 by Akif Pirinçci, Bonn

Model: Yael Shelbia

Akifs wichtigste Bücher

Umvolkung – Wie die Deutschen still und leise ausgetauscht werden

Deutschland von Sinnen – der irre Kult um Frauen, Homosexuelle und Zuwanderer

Akif auf Achse – „Das Schlachten hat begonnen“ und andere Texte

Die große Verschwulung – Wenn aus Männer Frauen werden und aus Frauen Männer

Der Übergang – Bericht aus einem verlorenem Land

Attacke auf den Mainstream – Akif Pirinçcis „Deutschland von Sinnen“ und die Medien

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1 Kommentar

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  • Ganz schön mutig; ich bin schon auf das anhebende Geschrei gespannt.
    Die Grenzen zwischen Pornografie und Kunst bleiben fließend und ändern sich mit dem gesellschaftlichen Irrsinn. Ganz ketzerisch: ich finde es weder männlich, noch stark, einer Frau (noch dazu per Backpfeife) vorschreiben zu wollen, nur noch einen selbst zu ficken. Ich glaube sogar, das kaschiert Unsicherheit, Angst und Schwäche. Im Übrigen macht die Frau doch, was sie will.

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