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Den Traum muss ich festhalten. Zumindest Sie, die eben noch nach mir rief, wenigstens ihre Schönheit will ich nicht der Dunkelheit meines Verstandes überlassen. Ihr Gesicht zerrinnt im Nebel meines Erwachens mehr und mehr zu einer unscharfen Maske.

Hatte ich sie im Traum gefickt? Nein, meine Fickträume verschwinden nicht so leicht; entweder habe ich noch immer einen prächtigen Ständer oder den klebrigen Rest meines Spermas an Bauch und Bettdecke.

Meine Lunge schmerzt. Sie stemmt sich gegen den ersten Zug an der Zigarette. Es gab eine Zeit, da trank ich vorher einen Kaffee oder aß etwas. Doch gegen das Brechen guter Vorsätze habe ich in den letzten Jahren eine erfolgreiche Strategie entwickelt: Ich habe einfach keine mehr. Gute Vorsätze sind Nichtsnutze, Dinge, die mich aufhalten, meinen Fluss stören.

Bevor ich mich aufs Klo setze, rotze ich den Schleim aus meinem Hals. Die scheiß Qualmerei wird mich eines Tages noch umbringen. Dafür kann ich für einen fast Fünfzigjährigen noch ziemlich locker pissen. Prostata: Check!

„Alex!“

Nur kurz hatte ich die Augen geschlossen (es scheißt sich einfach besser mit geschlossenen Augen), und Sie ist wieder da. Unvermittelt und nur, um meinen Namen zu rufen. Ich hetze Ihr hinterher, versuche, nach ihren Haaren zu greifen; doch Sie stürzt zurück in das Nichts, in das Ihr zu folgen so unmöglich erscheint.

„Du wirst langsam verrückt, alter Mann!“

Im Aufstehen beobachte ich, wie der Abfall meines Körpers in einem dunklen Strudel verschwindet.

Das Wasser kämpft mit dem Duschkopf, erringt ein klägliches Unentschieden. Wenigstens stimmt die Temperatur. Während ich Achseln, Schwanz und Arsch von den Resten der Nacht und dem Toilettengang befreie, schließe ich die Augen. Die Hoffnung, Sie zurückholen zu können, mir doch ihr Gesicht einprägen zu können, fließt unaufhaltsam mit all dem Dreck und dem Schaum in den Abfluss.

Das Waschbecken stützt mich beim Betrachten meines Spiegelbildes. Es ist zermürbt von letzter Nacht. Eine Nacht, an die ich noch weniger Erinnerungen habe als an den Traum, von dem mir wenigstens Sie geblieben ist.

Ich steige in die Jeans, die noch erstaunlich gut riecht, werfe mir ein Polohemd über und finde tatsächlich einen Fünfziger in meiner Jacke, was mich wundert; nach Nächten wie der letzten bin ich für gewöhnlich eine Woche pleite.

Im Grunde missfällt es mir, auf die Straße zu gehen, doch jetzt winkt ein Frühstück mit fettigem Speck, leicht angebratenen Spiegeleiern, Obst und viel Café Américano. Der perfekte Ort dafür ist das kleine spanische Bistro unten an der Ecke.

Joani steht an ihrer alten Espressomaschine, reinigt zärtlich das gebogene, silberne Metallrohr, mit dem sie die Milch aufschäumt.

„Hola Alex! Warst lang nicht da.“

„Hatte zu tun“, lüge ich.

„Das Übliche?“

„Ne, Eier, Speck, Orangensaft, Kaffee, den ganzen Scheiß halt.“

„Wir servieren eigentlich nur bis vierzehn Uhr Frühstück. Harte Nacht gehabt?“

„Keine Ahnung. Vermutlich.“

Sie lächelt und wendet sich wieder der Espressomaschine zu. Joani ist hübsch anzuschauen, hat große braune Augen, schwarze Haare, Stupsnase, eine schlanke Taille und stramme Waden. Nur ihre Brüste sind etwas zu üppig für meinen Geschmack. Wenn sie lacht, und Joani lacht oft und herzhaft, wippen ihre Brüste erstaunlich wenig.

Eier und Speck stopfe ich hastig in mich hinein, beim Hinunterschlingen blicke ich aus dem Fenster. War Sie das? Dort drüben, auf der anderen Straßenseite?

„Schmecken Dir meine Eier heute nicht?“

„Was?“

„Die Eier.“

„Nein, nein, Deine Eier sind perfekt. Wie immer. Ich dachte nur, ich hätte jemanden gesehen.“

„Wen?“

„Die Frau aus meinem Traum.“

„Oh Alex, Du bist verliebt?“

„Ne, quatsch, vergiss es. Machste mir noch ‘nen Kaffee?“

„Klar.“

Das Fenster ignoriere ich, konzentriere mich wieder auf die Eier und den Speck.

„Erzählst Du mir von der Frau?“, fragt Joani, als sie den Kaffee auf den Tisch stellt.

„Sie war in meinem Traum. Nein, sie war mein Traum.“

„Woher kennst Du sie?“

„Ich kenne Sie gar nicht.“

„Und Du hast sie trotzdem da draußen gesehen?“

„Hältst Du mich für verrückt?“

„Du kommst seit einem Jahr hierher und hast noch kein einziges Mal mit mir geflirtet. Du bist entweder schwul oder verrückt.“

„Ich bin nicht gut darin. Also im Flirten.“

„Du erfindest Geschichten. Frauen lieben gute Geschichten.“

„Wann haste denn Feierabend?“

„Spinner!“

„Siehste!“

Joani lacht so herzhaft, dass ihre Brüste ein wenig mehr wackeln als üblich; ich muss lächeln.

Fast zwei Stunden laufe ich durch meinen Kiez, hole Zigaretten im Späti, wo ich mit dem Besitzer das übliche Schwätzchen halte, und kaufe eine Flasche guten Gin im Supermarkt.

Im Apartment ist es still. Ich mache mir den ersten Gin & Tonic, lege mich aufs Bett, starre an die Decke und denke: „Du verrückter alter Mann. Läufst noch immer Deinen Träumen hinterher.“ Nach dem dritten Drink schlafe ich ein.

Diese Nacht blieb sie fort, zumindest erinnere ich mich an keinen Traum. Doch kaum bin ich erwacht, sehe ich wieder das undeutliche Schema ihres Gesichts; die unscharfen Umrisse ohne Mund, ohne Augen, die angedeuteten Haare, die sich mit dem schwarzen Hintergrund vermischen.

Auf dem Bettrand sitzend massiere ich mir mit beiden Händen den Nacken. Wie sehr hatte ich mich danach gesehnt, Sie wäre mir noch einmal in der Nacht erschienen.

Zwei Kapseln für die Nespressomaschine liegen noch in der Schale neben der Mikrowelle. Den ersten Schluck trinke ich am Küchenfenster, zünde mir eine Zigarette an und blase den Rauch gegen die Scheibe. Der Kaffee schmeckt furchtbar; was vermutlich daran liegt, dass die Kaffeemaschine, die der Vermieter in meinem Apartment gelassen hatte, noch versiffter ist als der grüne Fransenteppich, den ich noch immer nicht weggeworfen habe, obwohl mich das seifige Gefühl zwischen meinen Zehen zunehmend anwidert.

Heute entscheide ich mich für Café Américano und Toastadas, ein klassisches spanisches Frühstück (auch wenn die meisten Spanier Café con leche, den kleinen Kaffee mit warmer Milch, zu ihren Toastadas trinken).

„Und“, fragt Joani, „was gibt’s Neues von Deiner Traumfrau?“

„Sie war letzte Nacht nicht da.“

„Wie schade.“

„Außerdem ist das nicht meine Traumfrau, sondern die Frau aus meinem Traum.“

„Wo ist der Unterschied?“

„Na, eine Traumfrau ist real, eine Frau aus einem Traum wohl eher nicht.“

„Hast Du sie nicht gestern auf der Straße gesehen? Da drüben?“

„Ich hatte den Eindruck, sie gesehen zu haben.“

Joani zuckt mit den Schultern. „Männer!“, lacht sie und stellt mir den Kaffee auf den Tisch, „Deine Toastadas sind gleich fertig.“

Stundenlang sitze ich auf dem Barhocker, blicke aus dem Fenster, trinke Café Américano und später Gin & Tonic. Menschen laufen an mir vorbei, Frauen und Männer, Kinder, die aus der Schule kommen.

Abends starre ich wieder an meine Decke und denke: Wie kann das Fragment eines vergessenen Traumes eine derartige Obsession auslösen; mich auf die Jagd nach etwas Irrealem schicken, die so offensichtlich zur Erfolglosigkeit verdammt ist.

Ich schalte den Fernseher ein, will mich von den Belanglosigkeiten der Anderen berieseln lassen. So ein Fernseher ist die perfekte Ablenkung, dient mir seit Jahren als Einschlafhilfe.

Sie kam zurück. Wir tanzten durch die Nacht, liefen lachend durch den Kiez, kauften Zigaretten im Späti und Gin im Supermarkt. Wir soffen, rauchten und liebten uns. Als ich aufwache, denke ich für einen kurzen Moment, Sie läge noch still in meinen Armen; es ist nur die klebrige Bettdecke.

Ich stehe auf, mache mir einen Toast und stecke die letzte Kapsel in die Nespressomaschine. Heute werde ich Ihr begegnen, endlich Ihr Gesicht sehen und mir Ihren Duft entgegenwehe lassen.

Nach der Dusche ziehe ich eine frische Jeans an und das dunkelblaue Polohemd, das so gut zu meiner Lederjacke passt.

Schon vor der Tür von Joanis kleinem spanische Bistro sehe ich mich um, blicke auf meine Armbanduhr – Sie war noch nicht da.

„Joani, un Café Américano y Toastadas con Mantequilla y Marmelada, por favor!“

“Sí, claro!”

Heute setze ich mich direkt ans Fenster, fokussiere jedes einzelne Gesicht der Menschenmenge, die hinter der Scheibe vorbeizieht. Mein Herz klopft wie das eines Teenagers, der hinter der Schule das erste Mal sein Mädchen küsst.

„Alex“, sagt Joani, als sie mir den Kaffee und die Toastadas auf den Tisch stellt, „Du hast heute von Ihr geträumt.“

Ich sehe Sie an.

Heute Nacht werde ich das Rätsel Ihrer Brüste lösen.

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2 Kommentare

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  • Charles B. Geilhaupt, du bist ein Guter und noch dazu ein guter Poet! Mein löslicher Kaffee von Carrefour hat beim Lesen deiner Kurzgeschichte wirklich großartig geschmeckt. Gleich werde ich bei herrlichem Sonnenschein von meinem hochprekären Arrondissenent per Métro bis zum Jardin du Luxembourg fahren, mich dort in den Halbschatten setzen und den überaus hübschen Joggerinnen der Sorbonne zusehen. Übrigens Gratulation zum Magazin!

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